Bericht von Philip Handschin, Velokurier Bern
Nachdem ich Ende Mai am Bortelhorn dachte, dies sei nun definitiv die letzte Skitour dieses Frühlings gewesen, belehrte ich mich selbst eines Besseren. Noch am Vorabend der Tour auf das Bortelhorn, am 24. Mai, besprach ich mit Andreas eine etwas verrückte Idee. Wir wollten aus dem Flachland mit den Velos in die Berge fahren und die Skis auf Anhängern mitnehmen, dort eine Skitour machen und dann wieder mit den Velos zurück fahren. Da die Wetterprognosen perfekt waren, begann am Freitag, 4. Juni 2010 unser Abenteuer. Mein «Fuhrwerk» hatte ich zuvor sorgfältig beladen.
22:30 Uhr
Im allerletzten Tageslicht fuhr ich in der Länggasse los. Obwohl ich zuvor nicht schlafen konnte, fühlte ich mich gut. Die Vorfreude war viel stärker als die Müdigkeit! Auf dem Kornhausplatz breiteten sich die Nachtschwärmer aus. Ich fuhr mit dem Rennvelo und den Skis auf dem Anhänger durch diese Szene. Ein merkwürdiges Bild! Schon bald dunkelte es völlig ein und die dunkle, da mondlose, Nacht begann. Schon kurz vor Thun bemerkte ich, dass sich die Batterien meines Lichts nicht geladen hatten. Der Strahl erreichte nur mit Mühe die Fahrbahn vor mir. So machte es keinen Spass! Ich kramte also das Reservelicht aus, welches mir Vero im letzten Moment mitgegeben hatte. Ein 19.90-Franken-Migroslicht… Nach einer etwas umständlichen Mechaniker-Aktion fuhr ich mit diesem Licht weiter und staunte wie hell es war.
23:30 Uhr
Ich fuhr durch das nächtliche Thun. Auch hier war an diesem lauen Sommerabend Nightlife angesagt. Kurz danach erreichte ich das Ufer des Thunersees. Dem Thunersee folgend, fuhr ich Richtung Interlaken. Die Nacht war klar, aber so dunkel, dass ich nicht einmal die markante Pyramide des Niesens erkannte.
00:00 Uhr
Mitternacht. Ich befand mich irgendwo kurz vor der Beatenbucht. Meine Gedanken waren kurz bei Andreas, dieser startete wohl gerade jetzt bei sich zu Hause in Eyholz bei Visp. In etwa sechs Stunden werden wir uns auf dem Grimselpass treffen.
00:45 Uhr
Bis Interlaken waren noch zahlreiche Nachtschwärmer-Automobilisten unterwegs. Nach Interlaken änderte sich dann das Bild. Die Uferstrasse des Brienzersees ist entgegen der Strecke Thun – Interlaken schlecht beleuchtet. Zum Glück ist die Strasse top! Zwischen Interlaken und Meiringen kreuzten mich nur eine Handvoll Autos. Ich fühlte mich nach wie vor gut. Bis jetzt musste ich ja auch noch kaum einen Höhenmeter bewältigen und konnte die Beine auf der grossen Scheibe drehen lassen.

02:10 Uhr
Sehr gut im Zeitplan erreichte ich Meiringen kurz nach zwei Uhr morgens. Veros Migros-Licht hielt sich noch immer sehr gut. Nach einem kurzen Aufstieg und der Abfahrt nach Innertkirchen war ich am Punkt angelangt, wo es hiess «von nun an geht’s bergauf». Mittlerweile war halb drei Uhr morgens.
03:20 Uhr
Zu einer Zeit, zu der auch die meisten Nachtschwärmer zu Hause im Bett liegen, kämpfte ich mich durch Guttannen, die letzte Ortschaft vor der Grimsel-Passhöhe. Ich hatte eine Krise. Nach lediglich 430 Höhenmetern des Anstiegs. Es warteten zu diesem Moment noch weitere 1100 Höhenmeter auf mich, ich hatte also erst ein gutes Drittel des Anstiegs gemeistert. Der fehlende Schlaf, die Dunkelheit und der rund 20 Kilogramm schwere Anhänger liessen mich ungewohnt schlecht in die Höhe steigen. Auch die Dunkelheit setzte mir zu. Seit fünf Stunden bin ich mittlerweile alleine in der Dunkelheit am Velo fahren. Andere fallen zu dieser Zeit betrunken in die Federn… Beides ist wohl nicht ganz normal.
Irgendwo passierte ich einen Tunnel, in welchem Arbeiter lautstark Sanierungsarbeiten durchführten. Es war heiss, Wasserdampf stieg auf und sah in den Scheinwerfern aus wie die Kulisse eines Horrorfilms. Ich zog an ihnen vorbei und erntete zum x-ten Mal in dieser Nacht fragende Blicke. Ich war aber auf mich konzentriert und ersehnte den Tag herbei. Auch mein kleinster Gang von 39x25 machte mir wegen des Anhängers mächtig zu schaffen. Krafttraining pur. Wiegetritt ist mit dem einrädrigen, schwer beladenen Anhänger kaum möglich.
04:30 Uhr
Langsam beginnt es zu tagen. Das erste Tageslicht lässt die Konturen der umliegenden Berge aus der Dunkelheit hervortreten. Schneefelder sind zu erkennen. Da mein Magen seit Stunden nichts anderes als Biberli und Farmer-Riegel bekam, machte er sich mit leichten Schmerzen bemerkbar.
04:45 Uhr
Am Ufer des Räterichsbodensees stieg ich kurz vom Velo. Ich rief Andreas an um abzuklären, wo er sich mittlerweile befand. Er passierte gerade Gletsch, war also quasi auf den Meter gleich hoch wie ich. Das Timing passte. Da ich mir die Strecke nochmals einprägte – zwei Kurven bis zum Grimselsee und dann vier Kurven bis zur Passhöhe – und es langsam wirklich hell wurde und ich auch wusste, dass der Zeitplan perfekt aufging, konnte ich nochmals Reserven frei machen.
04:54 Uhr
Ich fuhr am neu eröffneten Hotel Simplon Hospiz vorbei. Die höchsten Berge im Hintergrund waren gerade noch nicht an der Sonne.
05:15 Uhr
Die letzten vier Kurven bis zur Passhöhe. Am Strassenrand türmten sich meterhohe Schneewände. Da Schmelzwasser über die Strasse floss, fragte ich mich wie gut der Schnee wohl sein würde.
05:25 Uhr
Geschafft! Ja, das war ich als ich kurz vor halb sechs Uhr morgens den Grimselpass erreichte. Nur wenige Augenblicke später traf auch Andreas ein. Es tat gut, meinen Begleiter zu treffen und zu wissen, dass nun der Teil des Abenteuers beginnen würde, der zu zweit stattfindet! Die Stunden alleine in der Dunkelheit waren nur zum Teil ein Vergnügen.
Mein Rennvelo posiert mit dem höchsten Punkt des Tages im Hintergrund – dem 2764m hohen Sidelhorn. Der Gipfel liegt damit auf den Meter 600 Höhenmeter über der Passhöhe.
06:15 Uhr
Nachdem wir uns umgezogen hatten und unsere Schuhe in das nächste Sportgerät einklickten gingen wir los. Ich war sehr froh konnte ich mich anders bewegen. Die letzten Höhenmeter auf dem Velo liessen mich leiden wie wohl seit dem Grand Raid 2006 nicht mehr… Obwohl es eher ungewöhnlich ist um diese Jahreszeit einen so wenig hohen Skigipfel zu besteigen, waren wir nicht die Einzigen unterwegs. Wider erwarten bestiegen an diesem Tag sicher gegen 50 Personen das Sidelhorn.
07:45 Uhr
Nach einem angenehmen Anstieg erreichten wir den Gipfel. Die Sonne wärmte uns und liess neue Lebensgeister erwachen! Dass ich seit 25 Stunden nicht mehr geschlafen hatte, bemerkte ich nicht. Die Aussicht auf die umliegenden Gipfel – Matterhorn, Weisshorn, Finsteraarhorn inklusive – und der stahlblaue Himmel vertrieben jegliche Müdigkeit.
08:15 Uhr
Da wir nordseitig abfuhren, war die Schneedecke hart aber dafür tragend. Ideale und einfach zu fahrende Verhältnisse. Dazu die Aussicht auf Oberaarhorn, Finsteraarhorn, Triebtenseeli und Unteraargletscher liessen unsere Herzen höher schlagen! Je näher wir bei unseren Rennvelos waren desto mehr ostexponiert und damit weicher wurde die Schneedecke.
Die Sicht auf den Grimselpass zeigte, dass es doch nicht dermassen wenig Schnee hat wie vielfach lamentiert.
11:00 Uhr
Nach einer rasanten Abfahrt erreichten wir um elf Uhr den Zeltplatz Ulrichen. Hier wurden wir von der Mutter von Andreas und dampfender Pasta erwartet! Genau das Richtige! Mein Magen verlangte seit acht Uhr früh einen Teller Pasta. An einem lauschigen Plätzchen unter Lärchen genossen wir Tee und heisse Teigwaren. Was für eine Wohltat!
13:30 Uhr
Nach einer gemütlichen Abfahrt durch das Obergoms erreichten wir um halb zwei Uhr den Bahnhof Brig. Andreas half mir meine Fracht in den Zug zu verladen welcher mich in nur wenig mehr als einer Stunde nach Bern befördern würde. Was für ein Glück jemanden wie Andreas zu kennen, wie viele Leute gibt es schon mit welchen sich solche Abenteuer realisieren lassen???