Treten, sitzen und manchmal fliegen

Christoph Hämmann beschreibt, wie sich Velokurier-Sein anfühlt – oder anfühlen könnte.

Auszug aus dem «Velokurierbuch». Inklusive «Kuriernovelle» von Urs Mannhart. Erhältlich bei Velokurier Bern, Dammweg 41, 3013 Bern; bei shop(at)velokurierbern.ch sowie in jeder guten Buchhandlung.

Persönlicher Blick auf zwölf Jahre Strasse, Dispo und Genossenschaft

An einem guten Tag fühlt es sich an wie fliegen. Gelandet wird nur kurz zum Aufpicken oder Abgeben einer Sendung. Der Kurier gelangt rauschhaft in einen Zustand, in dem sich die Zeit – die Zeit, deren permanente Knappheit am Ursprung unseres Geschäftes steht – mit ihm verbündet, von seiner grössten Feindin zur Freundin wird: Urplötzlich scheint sie stillzustehen, scheint die Welt innezuhalten in ihrem Treiben, gebannt vom Kurier und seiner Sendung und der Frage, ob es die Sendung noch auf den Zug um 14.34 Uhr schafft. Der Kurier hebt ab, er fliegt über dem Asphalt, schiesst das Kirchenfeld hinunter, rauscht über die Brücke, durch die Gassen und entlang den Baustellen, rennt durch den Bahnhof und hoch aufs Geleise, hört den Pfiff der Zugbegleiterin, er winkt und ruft und rennt, rennt zum Gepäckabteil, hechtet hinein und behändigt während des Sprungs die Sendung aus dem Rucksack, es sieht aus wie in einem jener eigentümlichen asiatischen Kampfsportfilme, in denen die Kämpfenden über den Baumwipfeln schweben –

Der Kurier könnte weinen vor Freude oder Erschöpfung, möchte die Faust ballen und jubelnd hochstrecken, sagt stattdessen nüchtern ins Funkgerät: «C4-Couvert, Nr. 300-0103489, Doppelstock hinten oben.» – «Du hast den 34er geschafft?! Geile Siech! Geh über die Welle aus dem Bahnhof, ich habe dir in der Länggasse drei Aufträge …»

Der perfekte Tag: Der Kurier geht ans Limit und darüber hinaus, die Disponentin fügt den einen Auftrag passend an den anderen, aus dem plärrenden Funkgerät bekommt der Kurier mit, wie unfassbar schnell die anderen Velos sind. Gemeinsam wird jene magische Formel realisiert, wonach das Ganze mehr ist als die Summe seiner Teile.

An einem weniger guten Tag passieren Fehler, kleinere ebenso wie solche, die sich nicht korrigieren lassen – wie überall, wo etwas «live» passiert. Im schlechtesten Fall ist ein Fehler wie der Flügelschlag des Schmetterlings, der am anderen Ende der Welt ein Gewitter auslöst, bringt er ein sensibles System zumindest kurzzeitig aus dem Gleichgewicht. (Der Kurier- GAU: Reisepässe werden auf den falschen Zug geladen und treffen via Genf mit grosser Verspätung am Flughafen Zürich ein. Die wartende Familie muss ihren Flug auf den Folgetag umbuchen und in Kloten übernachten. Der nächste Tag geht wegen des Swissair-Groundings in die Geschichte ein, die Familie reist statt nach Südafrika ins Tessin und droht mit dem «Kassensturz », wenn der Velokurier Bern nicht alle Umtriebe erstattet.)

An einem ganz und gar unguten Tag ist um 19 Uhr Monatssitzung und einer will Autos anschaffen. Predigt Fortschritt, sagt, dass Stillstand Rückschritt sei. Offenbar neigt die betriebswirtschaftliche Lehre gerade zu Diversifikation, bevor sie in ihrer Beliebigkeit bald wieder Konzentration auf das Kerngeschäft empfehlen wird. Welcher Fortschritt denn? Und überhaupt: Wieso nicht festhalten an unserem Produkt, der einen feinen Dienstleistung, die wir unschlagbar gut anbieten? Angenommen, es gäbe mal keinen Markt mehr für schnelle, ökologische Transporte begrenzten Formats: Würden wir auf dem Weg dahin unser Angebot laufend anpassen wollen? Am Ende Waffen produzieren, weil dann die Politik unsere Arbeitsplätze schützte? Nun gut: Nicht jeder, der die Autofrage stellt, ist ein verkappter Waffenschieber.

Grundsatzdebatten, im sich wandelnden Kollektiv alle paar Jahre wieder geführt: Wäre die AG die Rechtsform, mit der sich schneller wachsen, vielleicht auch einfach reibungsärmer leben liesse? Ist die Arbeitsstunde eines Mitglieds der Geschäftsleitung mehr wert als die einer Person, die bloss fährt? Die Lohngleichheit mag in unserer Welt absurd erscheinen – in einer besseren Welt verpflichtet sie jedes einzelne Mitglied darauf, aktiv am Betrieb aller teilzuhaben und Verantwortung zu übernehmen. Für mich ist sie das grösste Vermächtnis der Pioniergeneration.

Es ist über der Grundsatzfrage Nacht geworden. Wie hätte es anders sein können: Obwohl die Sitzung viel häufiger Ort gegenseitigen Aufdatierens ist, an dem die Geschäftsleitung über den Stand laufender Geschäfte berichtet, entpuppt sich doch fast immer eine vermeintlich harmlose Frage als jenes Detail, das die Sitzung ausufern lässt. Zur Not lässt sich auch die Debatte anreissen, dass zu wenig debattiert werde. Am Ende der Sitzung nehmen sich manche ein Bier, freuen sich über die vielen Projekte, die auf Kurs sind; in einer Ecke diskutiert ein Grüppchen hitzig weiter.

Am nächsten Morgen, kurz vor 7 Uhr, befestigt eine Velokurierin den Anhänger an ihrem Fahrrad und erledigt frühe Daueraufträge. Ein neuer Tag beginnt. Die Chancen stehen gut, dass er wunderbar wird.